„Digitalisierung ist kein Selbstzweck – sie ist ein strategischer Hebel für sichere Wassernetze“

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Ein Interview mit Ronald Vrancken, Geschäftsführer LACROIX Environment

Herr Vrancken, die Wasserwirtschaft steht aktuell vor tiefgreifenden Veränderungen. Worin sehen Sie die wesentlichen Treiber?
Wir beobachten derzeit das Zusammenwirken von vier zentralen Transformationshebeln, die das Management von Wasser‑ und Energienetzen nachhaltig verändern: der steigende Druck auf natürliche Ressourcen, der beschleunigte technologische Wandel, wachsende Cyberrisiken und ein grundlegender Wandel der Geschäfts‑ und Betriebsmodelle. Diese Entwicklungen wirken nicht isoliert, sondern verstärken sich gegenseitig. Für Betreiber bedeutet das, dass klassische Betriebsansätze zunehmend an ihre Grenzen stoßen.

Beginnen wir mit dem Ressourcenthema. Warum ist der Handlungsdruck gerade jetzt so hoch?
Der Klimawandel und das Bevölkerungswachstum verschärfen die Belastung von Wasserressourcen spürbar. Wasserstress, Extremwetterereignisse und steigende Anforderungen an Verfügbarkeit und Qualität machen deutlich, dass Wassernetze präziser überwacht und effizienter gesteuert werden müssen. Für Betreiber wird der nachhaltige Umgang mit Wasser zu einer strategischen Kernaufgabe – nicht nur aus ökologischer, sondern auch aus betrieblicher und regulatorischer Sicht.

Welche Rolle spielt dabei die Digitalisierung der Netze?
Digitale Technologien verändern das Wassernetzmanagement grundlegend. Moderne Kommunikationsnetze, Softwareplattformen und datenbasierte Auswertungen ermöglichen erstmals eine durchgängige Transparenz über verteilte Infrastrukturen. Fernwirk‑ und Monitoringlösungen liefern kontinuierlich belastbare Betriebsdaten – etwa zu Druck, Durchfluss oder Pegelständen. Diese Daten sind die Voraussetzung, um Abweichungen frühzeitig zu erkennen, Störungen gezielt einzugrenzen und Investitionen fundierter zu planen. Entscheidend ist dabei immer der konkrete Nutzen für Betriebssicherheit und Effizienz.

Mit der Digitalisierung wächst auch die Bedeutung der IT‑Sicherheit. Wie schätzen Sie das Cyberrisiko ein?
Wassernetze zählen zu den besonders sensiblen kritischen Infrastrukturen. Mit jeder digitalen Anbindung steigt potenziell auch die Angriffsfläche. Cyber‑Security ist daher kein Zusatzthema, sondern ein integraler Bestandteil moderner Netzarchitekturen. Regulatorische Rahmen wie die NIS2‑Richtlinie unterstreichen diese Entwicklung und machen deutlich, dass Cyber‑Resilienz heute Teil der strategischen Betriebs‑ und Führungsverantwortung von Wasserversorgern ist. Betreiber müssen Sicherheit systematisch in ihre Architektur, ihre Prozesse und ihre Entscheidungsstrukturen integrieren.

Sie sprechen auch von einem Wandel der Geschäftsmodelle. Was verändert sich konkret für Betreiber?
Neben technischen Anforderungen steigen die Erwartungen an Effizienz, Transparenz und Nachvollziehbarkeit. Betreiber müssen heute deutlich stärker datenbasiert entscheiden – etwa bei Instandhaltungsstrategien, Investitionsprioritäten oder der Kommunikation mit Aufsichtsbehörden. Digitale Services und neue Kooperationsmodelle gewinnen dadurch an Bedeutung. Technologie wird zunehmend zum strategischen Steuerungsinstrument und nicht mehr nur zur operativen Unterstützung.

Was bedeutet das speziell für die Wasserwirtschaft im Alltag?
In der Praxis ermöglicht die Digitalisierung einen Übergang vom reaktiven zum vorausschauenden Betrieb. Leckagen, Überlastungen oder ungewöhnliche Betriebszustände lassen sich früher erkennen. Das reduziert ungeplante Einsätze, verbessert die Ressourcennutzung und erhöht die Versorgungssicherheit. Gerade in weit verzweigten und dezentralen Wassernetzen ist diese Transparenz ein entscheidender Faktor für einen wirtschaftlichen und sicheren Betrieb.

Welche Rolle spielt europäische Entwicklung und technologische Unabhängigkeit?
Eine zentrale. Wasserversorgung ist Teil der kritischen Infrastruktur und erfordert langfristig verfügbare, sichere und vertrauenswürdige Lösungen. Europäische Entwicklung bedeutet Kontrolle über Daten, Sicherheitsmechanismen und Lebenszyklen der eingesetzten Systeme. Vor dem Hintergrund wachsender Cyberrisiken und regulatorischer Anforderungen gewinnt diese Unabhängigkeit weiter an Bedeutung.

Wie sehen Sie die zukünftige Entwicklung der Wassernetze?
Wassernetze werden zunehmend datengetrieben betrieben werden. Automatisierung und perspektivisch auch KI‑gestützte Auswertungen helfen dabei, Risiken besser zu bewerten und Entscheidungen fundierter zu treffen. Ziel ist nicht maximale Automatisierung, sondern eine höhere Steuerbarkeit und Resilienz der Netze. Digitalisierung wird sich damit weiter als strategischer Hebel für eine sichere und nachhaltige Wasserversorgung etablieren.

Wo können sich Betreiber über diese Entwicklungen austauschen?
Der fachliche Austausch ist entscheidend. Branchentreffen und Fachmessen bieten die Möglichkeit, Erfahrungen zu teilen und unterschiedliche Ansätze zu diskutieren. Auch im Rahmen der IFAT wird dieser Dialog über die Zukunft digitaler Wassernetze geführt – mit Fokus auf Praxis, Betrieb und langfristige Strategien.

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